Wie wird meine Umfrage zum Erfolg?

Liebe Diplomarbeit-/Bachelorarbeit-/Master-Thesis/Doktorarbeit-Schreiber,

ich bekomme ungefähr 1x pro Woche eine Anfrage, bei einer Umfrage teilzunehmen. Meist mit der Begründung: dauert nicht lange und Sie bekommen exklusiv die Ergebnisse! Den Rest lese ich nicht mehr, denn der Löschen-Button war schneller. Warum?

Ich war auch einmal in Eurer Situation, als ich eine empirische Studie zu meiner Doktorarbeit verfasst habe. Ich weiß, wie hart es ist, Teilnehmer zu bekommen. Und deshalb habe ich beschlossen, diesen Beitrag zu verfassen. Quasi als Alternative zu meiner Teilnahme an Eurer Umfrage ermögliche ich Euch einfach eine bessere Teilnahmequote und somit zu mehr Antworten als meiner einen. Sozusagen eine Win-Win-Situation.

Ich kann es nicht fassen, wie stümperhaft bei der Teilnehmeranfrage vorgegangen wird. Wir reden hier von Leuten, die kurz vor Abschluss Ihres Studiums stehen und sich wie Azubis in der zweiten Woche verhalten (nichts gegen Azubis, aber in der 2. Woche weiß man halt noch nichts und macht deshalb Fehler und lernt daraus). Da wird monate-/jahrelang am theoretischen Teil und einem guten Konstrukt gefeilt, das nun empirisch überprüft werden soll. Doch was nutzt das beste Konstrukt, wenn die Empirie nicht die notwendige Stichprobe zusammenbringt? Das ist wie ein 100 Meter Sprint um den Weltrekord, wo jemand vergessen hat, die Zeit zu stoppen. Schade eigentlich. Genug meines Gemeckers, hier meine Tipps zur Weltverbesserung:

1. Absender
Welche E-Mail-Adresse findet Ihr seriöser? andreas.schroeter@uni-[stadt].de oder andi8192371@hotmail.de? Dasselbe gilt für vorname.nachname@gmail.com. Nehmt doch die gute Visitenkarte Eurer Uni mit (und nein, es reicht nicht, wenn man da im Text drauf hinweist. Woher soll ich denn wissen, ob das stimmt, was mir da erzählt wird?). Wenn der Absender bei mir @gmx.de oder ähnlich ist, halte ich die Anfrage nicht für seriös und lösche sie sofort.

2. Empfänger
Hier gibt es vier Gruppen von Leuten: Diejenigen, die an sich selbst schreiben (also alle Empfänger auf bcc: setzen). Diejenigen, die direkt an undisclosed recipients schreiben. Diejenigen, die alle Empfänger offen auf cc: setzen (ja, die gibt es heutzutage wirklich noch). Und diejenigen, die an meine persönliche E-Mail schreiben. Was ist hier wohl “Best Practice”? Die an sich selbst-Schreiber können den Fragebogen dann gerne auch direkt selbst beantworten. Undisclosed recipients heiße ich nicht (das erinnert mich immer stark an diese Werbebriefe “An die Bewohner des Hauses Müllerstr. 1”). Die offenen cc:-Schreiber kann eh keiner ernst nehmen. Bleibt nur noch eine Option. Und ja, es ist die einzige Option.

3. Überzeugende Betreff-Zeile
Nein, dazu gehört nicht “Umfrage zu…”. Da schalte ich schon auf Durchzug, das bekomme ich jede Woche und kann es nicht mehr hören. Sagen wir mal, es ist eine Umfrage zu den Erfolgsfaktoren von Social Media (jaja, so ein Hype-Thema). Wie wäre es denn mit: “Social Media – die wichtigsten Erfolgsfaktoren”. Das macht mich doch neugierig und dann will ich wissen, was dahinter steckt und lese weiter. Damit ist dann die erste Hürde genommen!
Mehr zu guten Überschriften hier (ja, etwas Transferleistung ist gefragt)


4. Anrede

“Sehr geehrte Damen und Herren”. Hm, so heiße ich nicht. Und ich glaube auch sonst keiner in Deutschland. Für mich kommt das wie folgt rüber: Ich (Diplomarbeits-/Bachelorarbeits-/ usw. Schreiber) nehme mir nicht die Zeit, Deinen Namen rauszufinden und Dich persönlich anzuschreiben. Ich erwarte aber, dass Du (lieber Teilnehmer) 10,20,30 Minuten Deiner Zeit opferst, um mir zu helfen. Ah ja, das macht Sinn. Und könnte ich dann auch gleich noch Deine Kontonummer bekommen, um Dir etwas Geld zu überweisen? Kleiner Pro-Tipp: “Sehr geehrte/r Herr Schroeter” zeigt, dass eine Personalized Mass-Email rausgeschickt wurde. Da viele (englische) Programme nicht zwischen maskulin und feminin unterscheiden können, einfach den Namen mit “r Herr Schroeter” bzw. ” Frau Müller” speichern. Dann wird das r automatisch da eingefügt, wo es hingehört.

5. Text
Jetzt gilt’s: Die ersten vier Punkte sind Vorgeplänkel und eigentlich nur technisch. Der Inhalt jedoch muss überzeugen. Das ist wie eine Bewerbung und muss gut durchdacht sein.
Punkt 5.1: Da die meisten Leute ihre E-Mails nur scannen, muss der Inhalt einfach zu lesen sein (Der Oma-Test: Kann meine Oma den Text lesen und versteht sie ihn) und auf den Punkt kommen. Mehr als 10 Sekunden hat man selten Zeit, zu überzeugen.
Punkt 5.2: Wie auch bei der Bewerbung muss ein Bezug zum Teilnehmer hergestellt werden. Ein Satz genügt, damit der Teilnehmer sieht, dass man sich mit ihm auseinandergesetzt hat. Beispiel: “ich bin über Ihr sehr aktives Facebook-Fanpageprofil mit über 20.000 Fans auf Sie aufmerksam geworden.” Jetzt ist mir klar, dass sich der Absender echt mit mir auseinandergesetzt hat. Und das heißt wahrscheinlich auch, das die Umfrage für mich interessant ist.
Damit kommen wir zu Punkt 5.3: Die USP, altdeutsch Alleinstellungsmerkmal. Die Umfrage muss dem Teilnehmer etwas bringen, dass es so zuvor noch nicht gab. Die X-te Umfrage zu Social Media-Erfolgsfaktoren ist halt nur mäßig spannend. Wird jedoch durchleuchtet, wie z.B. Social Media in verschiedenen Ländern & Kulturen sich verhält, ist das etwas Neues und spannend.
Punkt 5.4 Abschlussformel und Footer. Hier der Textbaustein:
“Sollten Sie zur Umfrage oder zu meiner Arbeit noch Fragen haben, erreichen Sie mich per E-Mail oder telefonisch unter 01234-567890.” Danach ein MfG (nicht abgekürzt!), Name und ein Footer mit Name und Anschrift. Das bringt Seriösität. Warum? Habt Ihr schon einmal eine Spam-E-Mail mit vollständiger Anschrift gesehen? Ich auch nicht. Und keine Angst, es ruft in 99% der Fälle keiner an. Und wenn doch, dann ist es die Chance, noch einen Teilnehmer für sich zu gewinnen!
Punkt 5.5 Bonustipp: Wenn man bereits 2-3 andere Teilnehmer im Text erwähnen kann (ähnlich wie Referenzkunden) und diese “berühmt” (zumindest bekannt) sind, dann wirken diese Teilnehmernamen mit ihrem guten Namen wie ein Siegel der Stiftung Warentest: Es schafft Vertrauen in die Umfrage und in die Qualität der Ergebnisse (“wenn die mitmachen, dann muss da ja wirklich etwas spannendes bei rauskommen”).

6. Incentives, altdeutsch Anreize
Jeder schickt die Studienergebnisse den Teilnehmern zu, das ist Standard. Eine zusätzliche Aufmerksamkeit macht Sinn, wenn Sie zur Teilnehmergruppe passt. Schreibt man also Internet-Unternehmer an, dann freuen die sich sicherlich über so etwas (“Unter allen Teilnehmern verlose ich 10 Geek Dad-Stickersets”):
Copyright ThinkGeek
Das zeigt Wertschätzung und bringt ein kleines Schmunzeln aufs Gesicht. Ideal, um dann auch in der richtigen Stimmung die Umfrage zu beantworten.

7. Link
Ich will mich nicht mit Passwörter usw. rumschlagen müssen. Was bringt denn so ein Passwort überhaupt? Die URL ist doch eh nur für die Teilnehmer sichtbar.

Habt Ihr weitere Tipps? Dann immer her damit, die Kommentarfunktion wartet auf Euch.

Andreas