Die beste PR Kampagne 2010: Google Street View

Momentan beherrscht die ganze Hysterie um Google Street View die deutschen Nachrichten. Man könnte sagen, dass die Marke Google dabei Schaden nimmt. Abgesehen davon, dass sich keiner beschwert, wenn:
– der eigene Name, Telefonnummer und Adresse automatisch im Internet veröffentlicht wird (hallo, Telcos und Telefonbuch-Verlage!)
– die neue Anschrift an Adress-Händler verhökert wird (hallo, Deutsche Post und Weitersendeauftrag)
– die Ummeldung einsehbar ist (hallo, GEZ)
– bei fast jedem Gewinnspiel die Adresse kommerziell ausgebeutet wird (hallo, Planet49!)
ist alles beim alten. Zwar kann man diesen Veröffentlichungen widersprechen (durch ein entsprechendes Kreuzchen), aber das ist ja etwas ganz anderes als bei Google zu widersprechen. Auch die Videoaufzeichnung der eigenen Person (z.B. im Personennahverkehr, im Geschäft, auf öffentlichen Plätzen, am Geldautomaten, an der Tankstelle) dient ja der Sicherheit, deshalb ist das auch etwas anderes. Rational betrachtet hat man sein persönliches Profil noch längst nicht der Öffentlichkeit preisgegeben – denn es fehlt neben Adresse, Telefonnummer, Vorlieben etc. noch das eigene Haus (außer man wohnt in Schleswig-Holstein). Der Deutsche an sich (Achtung: Verallgemeinerungalarm) pflegt ja auch nicht seinen Vorgarten oder seine Fassade, um dies stolz seinen Nachbarn oder Passanten zu präsentieren, sondern macht das nur für sich selbst. Am liebsten würde er natürlich sein Haus, seine Wohnung und seinen Garten mit schwarzem Tuch verhüllen, damit ja keiner etwas wegguckt. Christo, wir brauchen Dich für die Verhüllung der Republik! Auch Magazine wie Schöner Wohnen sind ja eigentlich Skandalblättchen, die unverhüllt das Eigentum anderer zeigen. Sozusagen das Pornoheftchen für die Fremder-Leute-Eigentum-Spanner. Gehört verboten, genauso wie Postkartenmotive mit Häusern drauf. Aber wenn man mal über die ganze Hysterie hinwegschaut wird doch eines klar:

Google hat es geschafft (ob gewollt oder nicht), innerhalb kürzester Zeit in aller Leute Munde zu sein. Die Bekanntheit von Street View dürfte in keinem anderen Land so hoch sein wie in Deutschland. Selbst der Rentner aus Düsseldorf weiss, dass man bei Google Street View bald sein Haus sehen kann. Jeder Politiker, der etwas auf sich hält, hat eine (meist populistisch ignorant negative) Meinung über Street View. Alle großen Nachrichtenblätter, Portale und selbst der heilige Gral der deutschen News-Szene – die Tagesschau – berichten darüber. Wow, so ein Medienecho gibt es sonst wohl nur bei der deutschen Nationalmannschaft!

Gut, nun kann man sagen, dass die PR eher negativ ist und der Marke Google schadet. Aber wenn man das Bild etwas genauer betrachtet, ist das nur teilweise richtig. Die “Internet-Versteher”, also die Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist oder sich täglich damit beschäftigt und seine Meinung nicht durch die Bild formen lässt, halten die ganze Street View-Diskussion für Bullshit. Ja klar sollten Personen und KFZ Kennzeichen verpixelt werden, so dass nicht in das Persönlichkeitsrecht eingegriffen wird (das macht Google ja auch). Aber was so schlimm daran sein soll, dass man eine Hausfassade im Internet sieht, die man sonst auch im realen Leben sehen kann, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Das ganze Google-Bashing schiebt die Generation Internet eher in Richtung Google. Dann gibt es die Fraktion der Google-Hasser, die sicht bestätigt fühlen und deren Meinung man eh nur durch eine Auflösung von Google ändern kann. Zum Schluss gibt es die Fraktion der Google-Street View-finde-ich-gefährlich-weil-ich-es-nicht-verstehe-Leute. Anscheinend wollen ca. 50% der Deutschen ihre Häuser verpixeln lassen, eine relativ große Zielgruppe. Mal abgesehen davon, dass im Endeffekt wohl eher nur 1% es wirklich macht (der Mensch ist ja eher faul, sonst würden die Leute ja auch ihren Stromlieferanten wechseln und bares Geld sparen), gibt es in dieser 50% Gruppe zwei Subgruppen. Diejenigen, die kein Internet nutzen (und es wohl auch nie nutzen werden) und somit eh egal ist, was sie über Google denken. Und diejenigen, die sich bisher wenig mit dem Internet auseinandergesetzt haben und froh sind, wenn sie ihre E-Mails ohne Probleme abrufen können. Genau diese letzte Gruppe gilt es nun zu überzeugen, dass Google Street View doch gut ist. Und ich glaube, das wird bei dieser Zielgruppe für die Mehrheit klappen, denn sie werden es zumindest einmal nutzen (bei der Beantragung zur Verpixelung) oder durch Positiv-Beispiele wie das Video von Obertraufen verstehen lernen, was für ein positives Potenzial in Street View steckt. Wenn man jetzt also die 50% nimmt, die Street View nutzen wollen und von den anderen 50% ungefähr die Hälfte umstimmen kann, liegt man bei 75% positiver Markenwahrnehmung. Gibt es wirklich eine Marke, die mehr schafft (außer Günther Jauch mit 84%)?

Aus meiner Sicht liegt in der Street View-Debatte für Google ein genauso großes Potenzial wie der Elch-Test damals für die A-Klasse. Mit einer offenen und ehrlichen Kommunikation seitens Google kann man ein potenzielles PR-Debakel zu einem Riesenerfolg ummünzen. Und dabei wünsche ich Stefan Keuchel und der gesamten Google-Crew viel Erfolg.